Getrennt durch die gemeinsame Sprache

Der Kölner an sich ist freundlich! Ich stimme jetzt nicht in den Reigen Köln-affiner Urteile oder stimme pro-kölsche Chöre an, wie sie vom Reiseführer bis zum kölschen Selbstverständnis existent sind. Nein! Dieses Urteil bilde ich auf Basis meiner empirischen, intersubjektiven Wahrnehmung persönlicher Tatsachen, die in ihrer semantischen Konnotation eine explizite kosmopolitische Konstante mit sich tragen. Man kann so einfache Sachen so kompliziert formulieren. Damit mein pseudointellektuelles Gerede doch noch nach Graz kommt!
Was soll ich auch sonst machen als arbeitsloser Student in einer fremden Stadt, der ausreichend Zeit zum schwadronieren hat. Dem es schon unter den Fingern brennt, dass dieses Entschleunigen, dieses stets erwünschte Entschleunigen, sich doch wieder in einen Alltag wandelt. Aber nicht den faden Alltag, sondern den coolen Alltag. Bissi Uni, bissi Park, bissi Bier, bissi Staubsaugen.
Packen Sie sich warm ein heute!“, fordert mich eine alte Dame auf der Straße auf, weil es ein bissi kalt war. Ein älterer Kölner diskutiert mit mir Schadstoffgrenzen in der Gesundheit die durch die WTO definiert werden. Ich muss mich immer wieder wiederholen, weil ich zu schnell spreche, anders, holprig formuliere, weil ich übersetzen muss. „ Ach Vanillestangen!“, antwortet eine Verkäuferin beim Bäcker, „ sind immer eine jute Wahl. Einmal geschmeckt kommt man nicht mehr ab davon“. Und sie fragt nicht ob man noch einen Wunsch hat, sondern fügt ein knappes: “außerdem?” hinzu.
Ergänzt wird das durch 5-6 maliges Anbieten von Hilfe, wenn ich mit meiner hipster-old-schoolen-straßenkarte von Zeit zu Zeit von meinem blauen Rad runter springen, um mich, wie ein echter Mann – ja! wie ein echter Mann – an Hand einer Karte orientieren muss. Ach ich schmeiße die Karte weg und orientiere mich einfach gröllend, haarig am Geruch von Speck … Mist! Wieder verfahren!
„Wo jets den hin junger Mann?“, ruft ein Kölner rüber. Also der Kölner ist anscheinend doch irgendwie freundlicher wie andere – mit Ausnahme des kölschen Köbe im Brauhaus. Mit Sicherheit aber ist er redselig!
Ich bin schon standarddeutsch redselig. Damit einhergehend wächst eine Angst, dass ich in der Heimat dann auch so schön nach der Schrift spreche! Etwas was sehr verpönt ist! Ich versuche, wenn ich die Worte schon nicht verwende – was ich trotzdem sehr gerne mache –  sie immer mitzudenken: woutl, Ream, aggradd, aufgeign, Semmel, kreizkruzifix … und ich bin der EINZIGE Mensch der „Grüß Gott“ beim Grüßen heraus drückt. Und ständig fragen Erasmus-Student ob man in Österreich auch Deutsch in der Schule hat, oder doch den Dialekt, oder was das auch immer ist. “Du schreibst ja auch auf Facebook so?!“.
Die Niachtn, Gnackwatschn, Ausseer Hardbradler, Ludwig Hirsch, Hubert von Goisern … hör ich. Nein! Ich singe lautstark mit … *wir san woach wia a Wuikal, wir san broad wia die Autobohn, wir san dicht wie a Uboot, wei uns die Wöd oafoch gern hobn konn* … schließlich darf ich nicht die “gemeinsame” Sprache verlernen.
Pfiad eich!

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