Digitale Langzeitarchivierung: Warum?

Wie in vielen Arbeiten, die sich mit unterschiedlichsten Thematiken rund um das Thema Archiv beschäftigen, soll auch hier folgender Satz, den ich als sehr zieltreffend, aber auch diskussionswürdig halte, als Einleitung dienen:

“Archive sind das Gedächnis der Nation“1

So formulierte bereits im 19.Jahrhundert der deutsche Schriftsteller Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, alias Novalis, die Bedeutung und Aufgaben eines Archivs für eine Gesellschaft. Gesellschaft bzw. Zivilisation bedeutet auch, dass Information oder Wissen in jeder erdenklichen Form an kommende Generationen weitergegeben wird. Von den ersten Hochkulturen bis zu unserer Zeit herauf existieren Prozesse, die die notwendige Weitergabe von Wissen gewährleisten. Zu diesem Zweck werden unterschiedliche Methoden, Werkzeuge und Materialien verwendet. Die Aufgabe eines Archivs ist es kulturelle und rechtlich-administrative Informationen einer Person oder einer Institution zu erhalten, und diese berechtigten Personen zugänglich zu machen und somit den Zugang zu Wissen oder Informationen für künftige Generationen zu sichern. Mit der digitalen Revolution unserer Zeit entstehen Daten, die nur noch digital und nicht mehr analog existieren.

Digitale Archivierung ist eine Verpflichtung der heute lebenden Generationen für die Nachwelt, die dadurch entsteht, dass erst durch das Sichern von Information und Wissen für nachfolgende Generationen eine positive Entwicklung einer Gesellschaft einhergehen kann. Wissen, das nicht gesichert wird, geht verloren und muss wieder, unter Verwendung von neuen Ressourcen, zu Tage gebracht werden. Rein wirtschaftlich gesehen, wäre das eine Verschwendung von Ressourcen. Dieses Wissen ist wiederum kulturelles Erbe einer Gesellschaft, ja sogar der Menschheit. Die großen Errungenschaften der modernen Kommunikationstechnologien brachten nicht nur immense Vorteile, um Informationen zu verarbeiten und zu verteilen, sondern auch große Problemstellungen mit sich. Die schiere Masse an Informationen macht es notwendig, dass es Konzepte und Methoden gibt, um sich in diesem Meer an Daten, Informationen und Wissen zurecht zu finden bzw. grundsätzlich dieses Meer für kommende Generationen zu bewahren. Ein Archiv gilt als ein Hort des Gedächtnisses einer „Nation“2 bezeichnet. Gedächtnis steht für das Erinnern. Ein jedes Erinnern besitzt eine subjektive Komponente, die bedingt durch die jeweilige Situation des Erinnernden ist. Diese Situation umfasst unterschiedlichste gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche oder kulturelle Prozesse, die auf ein Individuum im Laufe seines Lebens eingewirkt haben und es dadurch zu einem Individuum geformt haben. Mehrere Individuen ergeben ein kollektives Gedächtnis. Ein Gedächtnis muss vergessen und Informationen reduzieren, um überschaubar zu bleiben. Auch ein Archiv, als Ausprägung eines kollektiven Gedächtnisses, muss „archivwürdige“ von „archivunwürdigen“ Objekten trennen, darf aber nicht die Objekte aus ihrem Kontext heraus verzerren. Gerade digitale Archive sind mit solchen Problemen konfrontiert. Zum Einen gibt es eine unfassbare Masse an Informationen, zum Anderen sind digitale Objekte nicht für die „Ewigkeit“ konstruiert. Sie unterliegen dem Prinzip im „Jetzt“ genutzt zu werden, wobei „Jetzt“ ein persönlich geschätzter Zeitraum von 10-20 Jahren ist. Es bedarf einem dafür erschaffenem Konzept mit diesen Problemen umgehen zu können. Davon abgesehen, dass eine Archivierung für „Immer“ (noch) nicht möglich ist. Man vergleiche diese Situation mit der Endlagerung von radioaktivem Material, das auch für „immer“ konzipiert ist. Dort ist die „Ewigkeit“ 1 Million Jahre. Dazu sei erwähnt, dass der Homo Sapiens erst seit 200.000 Jahren existiert. Archivierung für die Ewigkeit würde völlig neue Methoden und Technologien bedürfen, um es verwirklichen zu können. Nichtsdestotrotz muss es versucht werden.

Das Open Archival Information System ist ein solches Konzept, das als Referenzmodell eine Art Anleitung sein soll Archive so zu konzipieren, dass digitale Objekte, basierend auf gemeinsamen Standards, für „immer“, oder besser gesagt so lange wie möglich archiviert werden können. Dieses Konzept wird im Digitalen Datenarchiv Nordrhein-Westfalen (=DA NRW) praktisch umgesetzt, das von THALLER und seinem Team konzipiert und auch praktisch umgesetzt wurde. Erst durch die Erfahrungen, die in einer praxisnahen Situation gewonnen werden können, kann ein brauchbares und anwendbares System entwickelt werden. Insgesamt kann man sagen, dass das DA NRW ein ertragreiches Projekt ist, das Lösungen in der digitalen Langzeitarchivierung weiterentwickelt hat, in dem es konkrete Systeme implementiert hat. Es befasst sich konkret mit praktischen Implementierungen und Modellen um Langzeitarchivierung umsetzen zu können. Die Digitale Datenarchivierung wird in den kommenden Jahrzehnten immer wichtiger werden, da behördliche Dokumente, die mittels des elektronischen Aktes (ELAK) produziert werden, so wie es die Aufgabe eines Archivs ist, gesammelt, erfasst, gespeichert und öffentlich gemacht werden. Schließlich wird der ELAK in österreichischen Behörden und somit auch im Steirischen Landesarchiv bereits verwendet und ist somit ein Glied in der Kette des Erinnerns, des Erhalts kulturellen Erbes. Rückt man die Digitalisierung von Kulturgütern jeder Art nicht in das Zentrum der Überlegungen, wie man mit Kulturgut umgeht, so lässt man bereits jetzt die Möglichkeit des Verlusts von Kulturgütern aufkeimen.


1 BRENNER-WILCZEK Sabine / CEPL-KAUFMANN Gertrude / PLASSMANN Max, Einführung in die moderneArchivarbeit, Darmstadt  2006, S.7.

2 Im Sinne von Benedict ANDERSON und seinem Werk „imagined community“. Steht im Gegensatz zum eingangs erwähnten Zitat, in dem „Nation“ anders betrachtet wird.

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